Positive Psychologie, oder: Gibt es Glückspilze und Pechvögel?

Positive Psychologie

Es gibt Menschen, die permanent „Good Vibes only“ oder „Denk doch positiv” propagieren. Und es gibt Menschen, die immer wieder betonen, dass sie lieber keine Erwartungen haben, als dass sie enttäuscht werden. Doch welche der beiden Einstellungen bringt uns im Leben wirklich weiter? Können wir Glück anziehen? Toxische Positivität und Positive Psychologie: Was ist der Unterschied?

Was ist Toxische Positivität?

Toxische Positivität ist ein ungesundes Extrem, zwanghaft positiv zu denken UND negative Gefühle gar nicht erst zuzulassen. Dabei ist eine optimistische Grundeinstellung überhaupt nicht schlecht – ganz im Gegenteil.

Studien belegen, dass es optimistische Menschen leichter im Leben haben. Sie ziehen tendenziell mehr Chancen und Möglichkeiten an, haben bessere Beziehungen und erreichen eher ihre Ziele.

Du kennst es sicher auch von dir selbst: Bist du gut drauf und positiv gestimmt, läuft der Tag wie geschmiert und ohne Hindernisse. Bist du hingegen misstrauisch gegenüber deiner Umwelt, und hast Zweifel, dann wirst du auch eher enttäuscht. Hier greift dann die Selbsterfüllende Prophezeiung. Das bedeutet, dass selbst getroffene Vorhersagen durch das bewusste oder unbewusste Handeln eintreffen. Oder anders gesagt: Wir erfüllen unsere eigene Prophezeiung. Das ist kein Hokuspokus, sondern Psychologie.

Glück und Zufriedenheit: Positive Psychologie im Fokus

Interessanterweise hat sich daraus eine neue Strömung innerhalb der Psychologie gebildet: Die Positive Psychologie beschäftigt sich damit, was uns Menschen zufriedener und glücklicher macht. Im Fokus steht eine dankbare Lebenseinstellung, die nicht nur das Glücklichsein, sondern auch die eigene Gesundheit fördert. Außerdem werden die eigenen Stärken und Resilienz aufgebaut. Resilienz meint die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen wie zum Beispiel Schicksalsschläge besser und schneller verarbeiten zu können. Neben der Selbstoptimierung geht es auch darum, herauszufinden, was uns selbst im Leben besonders glücklich macht.

Toxische Positivität vs. Positive Psychologie

Doch wie grenzen wir Positive Psychologie von Toxischer Positivität ab? Wie schon gesagt, ist die Toxische Positivität ein ungesundes Extrem, zwanghaft positiv zu denken UND negative Gefühle nicht nur zu unterdrücken, sondern sie gar nicht erst zuzulassen. Das bedeutet, dass toxisch positive Menschen negativ konnotierte Emotionen wie Wut, Trauer oder Ärger verdrängen. Statt sich mit dem Schmerz und/oder dem Problem auseinanderzusetzen, reden sie alles gut. Doch gerade unsere Gefühlspalette macht uns menschlich.

Meiner Meinung nach sollten wir die Emotionen auch nicht unbedingt bewerten. Wut ist beispielsweise auch ein sehr hilfreiches Gefühl, da es uns zeigt, dass unsere inneren Grenzen verletzt worden sind. Unsere Bedürfnisse wurden übergangen, weil wir keine Grenzen gesetzt haben – somit haben wir uns nochmal besser kennengelernt und können uns auf eine ähnliche Situation in der Zukunft vorbereiten. Und: Schätzen wir das Gefühl der Freude nicht nochmal mehr, dadurch, dass wir auch wissen, wie sich Trauer anfühlt?

Dass wir die Situation anerkennen und nicht schönreden, ist nicht nur für uns, sondern auch für das Gegenüber wichtig. Denn wenn Menschen mit ihren Problemen zu uns kommen, und wir es als „Es ist doch nicht so schlimm“ abtun, dann fühlt sich das Gegenüber nicht verstanden und hat noch mehr damit zu kämpfen. Studien belegen, dass wir dann länger an einer Situation zu knabbern haben, weil es unter Druck setzt, uns schnell wieder besser fühlen zu müssen. Und wenn wir unangenehme Gefühle zulassen, geht es uns sogar schneller wieder besser.

Haben wir ein Problem mit Toxischer Negativität?

Natürlich sind soziale Reformen nicht dadurch entstanden, weil die Menschen sich ihr Leben schöngeredet haben. Darum geht es wie gesagt auch nicht. Die Positive Psychologie fokussiert sich dennoch verstärkt auf das Positive, da Menschen sich evolutionär und daher instinktiv eher auf das Negative fokussieren. Der Fokus auf die Wahrnehmung negativer Aspekte war wichtig für unser Überleben in der Steinzeit, ist jedoch in der aktuellen Zeit eher ein Nachteil, weil wir dadurch Ängste, Misstrauen und Zweifel schüren, hinter unseren Möglichkeiten bleiben und unsere Beziehungen sowie unsere Gesundheit gefährden.

Die Positive Psychologie versucht somit, beide Blickwinkel – sowohl positiv als auch negativ – in einem Gleichgewicht zu halten. Und setzt auf Eigenverantwortung: Denn wenn uns etwas im Leben stört, dann sollten wir es ändern und nicht mit Mutlosigkeit oder Trotz reagieren.

Ja, es gibt Dinge im Leben, die wir nicht ändern können, aber zumindest können wir unsere Sicht darauf ändern. Schließlich nützt Niemanden ein schlechtes Leben. Wollen wir nicht alle einfach „nur“ glücklich sein? Doch können wir Glück eigentlich anziehen? Und gibt es Glückspilze und Pechvögel? Und wenn ja: Wie unterscheiden sie sich? 

Ich habe mich mit Biggi Mehlhorn getroffen. Biggi ist Systemischer Coach sowie NLP-Coach und betreibt ein Coaching-Unternehmen. Ihre Herzensthemen sind Werte und Authentizität, zuvor war sie als Glückscoach angestellt.

Interview mit Coach Biggi Mehlhorn zum Thema Positive Psychologie

Franziska: Du warst ja auch Glückscoach und da interessiert mich natürlich: Was ist Glück für dich und wie definierst du Glück?

Biggi: Ja, spannende Frage. Für mich ist Glück ein Wohlgefühl: Erfüllt zu sein. Das ist für mich Glück. Dinge tun zu können, die mir guttun. Und mit denen ich mich wohlfühle, ja, mit denen ich einfach sein kann.

Positive Psychologie: Gibt es Glückspilze und Pechvögel?

Franziska: Und gibt es für dich Glückspilze und Pechvögel? Und, wenn ja: Wie unterscheiden sich diese Menschen voneinander?

Biggi: Ja, die gibt es für mich tatsächlich, aber nicht von Grund auf, sondern hausgemacht. Ich bin der Meinung, dass jeder zum großen Teil selbst dafür verantwortlich ist. Und, dass es ganz viel um die Perspektive geht, die man auf das Leben hat und den Ereignissen im Leben gegenüberbringt.

Und ich glaube, jeder kennt die Tage, wo man mit dem falschen Fuß aufsteht, der Kaffee kippt um und dann natürlich mit negativen Gedanken durch den Tag geht. Was kommt als nächstes? Dann denkt man automatisch, dass mir wieder was schlechtes passiert, und dann werden halt auch genau die Dinge passieren. Stichwort: Selbsterfüllende Prophezeiung.

Aber ich kann auch sagen: Ok, das war jetzt echt kein cooler Start. Mit welchem Fokus möchte ich denn heute durch das Leben gehen? Kann ich vielleicht schauen, ob es was gibt, wo es mir gerade echt gut geht, wofür ich dankbar sein kann? Habe ich vielleicht nette Menschen im Umfeld? Kann ich es für mich ein bisschen drehen, statt mir den ganzen Tag den Kopf zu zerbrechen, was als nächstes wieder Schlimmes kommt?

Dann habe ich das schon einen sehr großen Einfluss darauf, ob ich eben in dem Fall ein Glückspilz oder ein Pechvogel bin. Ich glaube aber nicht, dass es grundsätzlich festgelegt ist, dass die Hälfte der Menschen Glückspilze und die andere Hälfte Pechvögel sind.

Positive Psychologie: Gedanken als Schlüssel zum Glück

Franziska: Ja, ich kenne das von meinem Umkreis. Da gibt es Leute, die malen oft den Teufel an die Wand und bei denen läuft es auch nicht. Also, da laufen die Projekte nicht; das ist keine Einbildung. Ist das eine Art von Selbstsabotage?

Biggi: Auf jeden Fall. Da kommt natürlich auch das Gesetz der Anziehung ins Spiel, weil wenn ich meinen gedanklichen und gefühlsmäßigen Fokus immer auf die Dinge lege, die schlecht laufen und mir schon alle Worst-Case-Szenarien ausmale, dann geht natürlich auch da meine ganze Energie hin.

Ich kann mir auch die Frage stellen, wie es denn im besten Fall laufen könnte. Das durfte ich zum Beispiel lernen. Mein Gehirn konnte das am Anfang gar nicht. Das war einfach nicht im System abgespeichert, sondern es ging immer eher in die Richtung: Was kann alles schiefgehen?

Und als ich dann damit angefangen habe, mich zu fragen was bestenfalls passieren kann, ist es am Ende immer besser rausgekommen wie davor, als ich mir ganz viele negative Gedanken dazu gemacht habe.

Erwartungen, Enttäuschungen und positives Denken

Franziska: Und viele sagen: „Lieber habe ich keine Erwartungen, dann kann ich nicht enttäuscht werden“. Was sagst du dazu?

Biggi: Erwartung, raus, Dankbarkeit rein – für das, was schon da ist.

Und ich bin mittlerweile Fan davon, sich wirklich zu überlegen, was das Beste wäre, wenn alles gut geht. Was wäre dann das Beste, was passieren könnte? Und sich da einfach gedanklich darauf zu fokussieren. Wenn es nicht klappt, kann ich am Ende immer noch enttäuscht werden. Wenn es aber klappt, habe ich keinen Grund mehr, enttäuscht zu sein. Ich kann mir auch Sorgen machen, doch am Ende ist es total unnötig gewesen.

Franziska: Das ist eine interessante Sichtweise – und bringt mich zur nächsten Frage: Können wir Glück anziehen?

Biggi: Ganz eindeutig: Ja! Das durfte ich jetzt in den letzten Jahren lernen, dass das definitiv möglich ist. Das hat für mich ganz viel mit Dankbarkeit zu tun. Wofür bin ich dankbar? Wo fühle ich denn gerade schon diese Glücksgefühle? Wo fühle ich mich wohl?

Und einfach mit diesem positiven Fokus durch das Leben zu gehen und sich über die Blumen am Straßenrand zu freuen. Das macht einen ganz, ganz großen Unterschied, was man selbst für sich für eine Wahrnehmung wählt. Denn die Wahrnehmung kann für jeden Mensch eine andere sein.

Du siehst die Blumen, ich sehe sie nicht. Und am Ende sage ich, dass die Straße grau war, und du findest sie schön.

Die Grenze zwischen Positiver Psychologie und Toxischer Positivität

Franziska: Glück kann man lernen – das hast du gerade schon angedeutet. Aus diesem Ansatz heraus hat sich seit den neunziger Jahren eine neue Industrie gebildet – die Buchhandlungen sind voll mit Glücksratgebern und in der Online-Welt begegnen uns zahlreiche Seminare und Podcasts zu diesem Thema. Gleichzeitig steht die Glücksindustrie in der Kritik, dahingehend, dass die Methoden die sogenannte Toxische Positivität fördern würden. Wo ziehst du die Grenze zwischen Positiver Psychologie und Toxischer Positivität?

Biggi: Also, das mit den Glücksratgebern ist mir auch aufgefallen, das erschlägt einen ja manchmal regelrecht. Ja, ich sehe diesen Trend tatsächlich auch. Für mich ist es aber tatsächlich etwas anderes, wenn wir von Positiver Psychologie sprechen wie eben von Toxischer Positivität.

Toxische Positivität finde ich sehr gefährlich. Ich bin gar kein Fan von Menschen, die dir in jeder Situation sagen: „Ach, das ist doch nicht so schlimm“; „Jetzt stell dich doch nicht so an“. Dadurch werden Gefühle unterdrückt, die wichtig sind, dass wir sie leben und, dass wir sie eben auch zulassen, weil sie uns vielleicht irgendwas sagen wollen. Und weil wir einfach Menschen sind und Gefühle leben dürfen.

Ich habe auch erst wieder lernen dürfen, die ganze Gefühlspalette zu leben – von Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Das darf alles sein: Manchmal sind es solche Tage, manchmal solche.

Positive Psychologie ist für mich ein ganz kraftvolles Tool, weil es für mich heißt, die Menschen oder auch die Coachees, die ich begleiten darf, wieder in ihre Stärken zu bringen und ihre Potentiale zu fördern. Einfach den Fokus wieder auf das, was eben alles gut läuft zu richten und einfach einen neuen Blickwinkel zu bekommen, aber gleichzeitig sagen zu können: Vielleicht ist es gerade nicht so gelaufen wie geplant. Vielleicht kann ich aber trotzdem, nachdem ich alles jetzt hier durchgeführt habe, noch etwas Positives daraus gewinnen. Das ist für mich ein entscheidender Unterschied.

Glück anziehen und die Macht der Worte

Franziska: Kann man im Leben eigentlich zu positiv sein?

Biggi: Im Sinne von Toxischer Positivität: Ja. Also, wenn man die wahren Gefühle übergeht. Ich glaube aber nicht, dass man im Sinne von einem positiven Mindset zu positiv sein kann. Das heißt für mich auch, dass es in jeder Situation irgendwas gibt, was man daraus lernen kann, auch wenn sich es in dem Moment überhaupt nicht gut anfühlt, auch wenn es verletzt und/oder traurig macht. Es wird für irgendwas gut sein. Ich vertraue, dass es für mich passiert. Ich glaube, in diesem Sinne kann man nicht zu positiv sein. Das ist für mich eine große Stärke, das so sehen zu können.

Die Kunst der positiven Sprache

Franziska: Und in meiner Wahrnehmung haben wir eher ein Problem mit Toxischer Negativität. Wenn ich bewusst darauf achte, was und wie andere Menschen sprechen, nehme ich eher negative als positive Äußerungen wahr: Beschwerden über das Wetter, über die Arbeit, über das Essen. Die Liste ist lang. 😉 Was denkst du darüber? Und wie können wir zu einem positiveren Mindset kommen?

Biggi: Ich denke ganz ähnlich wie du, ich sehe das auch so, dass wir in der Gesellschaft häufig eher darüber sprechen, was uns gerade stört. Ich habe mich früher immer über den Stress in der Arbeit definiert und habe mich gar nicht getraut zu sagen, wenn es mal ruhiger war. Weil ich dachte: Was denken die anderen? Ich muss doch irgendwie zeigen, dass ich wichtig bin, gefragt bin und immer viel zu tun habe. Und als ich angefangen habe, wirklich bewusst darauf zu achten, war ich sehr geschockt, wie oft solche Sätze fallen: „Das Leben ist auch nicht einfach“; „Es kann auch nicht alles laufen“.

Den Fokus auf das legen, was ist

Die Sprache ist ein sehr machtvolles Mittel. Wir sagen ganz oft: „Kein Problem“ statt „Alles ist gut“. Da habe ich wieder das Wort „Problem“ im Satz. Daher lieber: „Alles ist gut“ oder „Alles ist in Ordnung“.

Und den Fokus auf das legen, was ist: Die meisten von uns haben auf jeden Fall ein Dach über dem Kopf und wir führen wahrscheinlich alle ein gutes Leben. Ich habe gelernt mich darauf zu fokussieren und zu analysieren, was ich Schönes habe statt immer nur zu schauen, was die anderen haben. Also, weg von den Vergleichen zu kommen, weil ich mich dann schlechter fühle – rein in die Achtsamkeit. Ich darf mir große Ziele machen und gleichzeitig darf ich auch wertschätzen, wo ich jetzt schon bin, was ich schon erreicht habe und so den Fokus drehen.

Das hilft natürlich, um direkt in die Umsetzung zu kommen, und zusätzlich ist es wichtig eine positive Sprache zu nutzen. Also, wenn man mit Freunden zusammensteht oder in der Kaffeeküche bei Kollegen einfach mal positive Themen anzubringen. Dann Fragen stellen, die eben nicht in Gejammer enden können und in diesen Kaffeeklatsch, der eben meistens nicht so positiv besetzt ist.

Das Gespräch führte Franziska von Lehel am 6. September 2022. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert und gekürzt. Den zweiten Teil des Gesprächs findest du hier: Entscheidungsmüde, oder: Kennen wir unsere Werte?

Zur Gesprächspartnerin:

Biggi Mehlhorn ist Systemischer Coach sowie NLP-Coach und betreibt das Biggis Lighthouse Coaching. Sie hilft ihren Klienten mit Coachings in Kleingruppen, Einzelcoachings und Workshops, ihre Werte und Visionen zu finden sowie ein authentisches Leben zu führen.
E-Mail: info@biggislighthouse.com
Instagram: @biggis_lighthouse_coaching
Facebook: Biggis-Lighthouse-Coaching

Quellen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert