Zwischen 2009 und 2015 wurde jeder zehnte Club geschlossen. Daher spricht man vom neuen Phänomen „Clubsterben“. Tatsächlich stellt sich heute oft die Frage, ob Vermieter den Pachtvertrag für einen Club verlängern oder die Fläche lieber an „ruhigere” Kunden vermieten. Doch wie lässt sich das Clubsterben aufhalten? Und welche Bedeutung haben Clubs überhaupt in unserer Gesellschaft?
Clubsterben in München
Es ist bezeichnend, dass das Münchner Stadtmuseum die Ausstellung „Nachts. Clubkultur in München“ ins Leben gerufen hat. Auch wenn die meisten von uns München sicherlich nicht in erster Linie mit Clubs in Verbindung bringen, traf es die bayerische Hauptstadt in den letzten Jahren sehr weitreichend. So schlossen Ende 2015 die Optimolwerke am Ostbahnhof, in denen zahlreiche Clubs und Diskotheken untergebracht waren.
In den letzten Jahren folgten weitere Clubs, die schließen mussten, darunter der bekannte Elektro-Club „Harry Klein“. Grund dafür ist, dass der Mietvertrag ausgelaufen ist und auf dem Gelände ein neues Hotel entsteht.
Clubs sind Teil unserer Kultur
Inzwischen hat sich der Trend etabliert, Locations als Zwischennutzung anzubieten. Das nennt sich dann hip „Pop-up-Club”, verschleiert aber die eigentliche Problematik. Eine Zwischennutzung verkürzt die Halbwertszeit eines Clubs noch weiter. Dabei waren und sind Clubs wichtig für unsere Gesellschaft. Sie sind soziale Räume, in denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen, Spaß haben und sich austauschen. Clubs werden auch als „safe spaces” bezeichnet, weil hier jeder so sein kann, wie er ist.
Und wie andere Kulturinstitutionen bietet auch das Feiern im Club einen Ausgleich zum Alltag, einen Raum für Freiheit und Eskapismus, der zu unserer Gesellschaft einfach dazugehört. Ob dieser nun bei einem Theaterstück von Goethe oder in einem dunklen Club mit Musik über 120 BPM ausgelebt wird, bleibt jedem selbst überlassen.
Anerkennung als Kulturstätten: Die Lösung gegen das Clubsterben?
Clubs sind also Teil unserer Kultur – und mehr als nur Vergnügungsstätten – zu diesem Urteil ist auch das Parlament gekommen und hat die Clubs offiziell als Kulturstätten anerkannt. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt in Richtung Erhalt der Clubkultur. Aber was bedeutet das genau?
Clubs werden nicht mehr mit Spielhallen und Bordellen gleichgesetzt, sondern genießen die gleichen Vorteile wie andere kulturelle Einrichtungen wie Opernhäuser, Theater oder Konzertsäle. Zum einen können Kulturstätten nicht so einfach gekündigt werden, zum anderen werden exorbitante Mietsteigerungen verhindert. Außerdem müssen Bauherren, die in der Nähe eines Clubs bauen, selbst für den Lärmschutz aufkommen und können die Kosten nicht mehr auf den Club abwälzen, wenn dieser schon da ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass für Kulturstätten nur sieben Prozent statt 19 Prozent Umsatzsteuer anfallen.
Initiativen gegen das Clubsterben
Ob die Anerkennung als Kulturstätte ausreicht, um dem Clubsterben entgegenzuwirken, bleibt abzuwarten. In Berlin hat sich aufgrund der prekären Situation ein Verein gegründet, der mit über 300 Mitgliedern über eine beachtliche Lobby verfügt. Die „Clubcommission” initiiert Kampagnen und versucht mit Fördergeldern der Clubkultur auf die Sprünge zu helfen.
Clubcommission Berlin
Lutz Leichsenring, Vorstandsmitglied und Sprecher der Clubcommission, sieht die Gefahren darin, dass die Clubs unter den Zwängen des Marktes leiden. Clubs könnten nicht im gleichen Maße hohe Mieten zahlen wie Shopping Malls oder Einkaufszentren. Zudem werde die Stadt immer dichter bebaut, so dass es vermehrt zu Lärmkonflikten komme. Die Club-Kommission steht im ständigen Austausch mit der Politik.
Mehr Lärm für München
Auch in München hat sich eine Lobby gebildet, die dem Clubsterben und dem Kultursterben insgesamt entgegenwirken will. Die Initiative „Mehr Lärm für München“ ist aus der Bewegung „Rettet die Münchner Freiheit” hervorgegangen, die sich aus Protest gegen den Bau von 30 Luxuswohnungen und Einzelhandelsflächen gebildet hatte. Im Jahr 2011 organisierte die Initiative mehrere Veranstaltungen und Demonstrationen und forderte, den Bau zu verhindern, um die Locations für Kunst, Kultur und Nachtleben zu erhalten. Das Bauprojekt wurde dennoch genehmigt.
2014 gründete sich die Initiative unter dem Namen „Mehr Lärm für München“ neu und organisierte erstmals eine Krachparade, eine Musik- und Tanzdemonstration unter dem Motto „Mehr Lärm für München – Gegen die Stilllegung kultureller Freiräume durch Luxussanierungen“. Auch in den folgenden Jahren fand die Krachparade statt. Julia und Christine von „Mehr Lärm für München” standen mir für ein Interview zur Verfügung.
Interview mit „Mehr Lärm für München”
Franziska: Das Harry Klein, einer der bekanntesten Technoclubs der Welt, muss bald schließen, weil der Pächter den Platz für ein neues Hotel freigibt. Peter Fleming, einer der Geschäftsführer des Harry Klein, kritisiert: „Es würde doch niemand auf die Idee kommen, ein Museum oder ein Opernhaus für ein Hotel abzureißen.” Was meint ihr: Warum haben es Clubs so schwer?
Christine: Ja, schon wahrscheinlich ein Stück weit die gesellschaftliche Akzeptanz, dass die eine andere ist und wahrscheinlich der Lärm.
Julia: Lärmschutz ist definitiv ein Thema, weil Opernhäuser oder Museen einfach nicht bis 5 Uhr morgens geöffnet sind und es keine zu häufigen Beschwerden wegen Lärmschutz gibt.
Aber ja, Clubs haben ein bisschen das „Schmuddelkinder-Image“ gegenüber diesen etablierten Kultureinrichtungen, was sehr schade ist, weil Clubs sehr viel für den sozialen Zusammenhalt, für den Ausgleich – sagen wir mal – für die psychische Gesundheit der Menschen tun und dafür auch sehr wichtig sind und mindestens genauso wichtig sind wie Opernhäuser oder Museen.
Clubs als offizielle Kulturstätten als Lösung gegen das Clubsterben?
Franziska: Clubs wurden nun offiziell tatsächlich zu Kulturstätten erklärt. Welche konkreten Auswirkungen wird dies haben? Wird es strukturelle Veränderungen geben?
Christine: Schwer zu sagen. Wir sehen zwei Möglichkeiten: Einerseits, dass es für die Vereine leichter sein könnte, sich zu halten, zum anderen aber auch, dass es für sie schwieriger sein könnte, sich überhaupt zu etablieren, weil dadurch eine gewisse Angst entstehen könnte.
Julia: Die Vergabeverfahren könnten tatsächlich schwieriger werden, wobei es ja heißt, dass sie sich durch die Anerkennung als Kulturstätten in Gebieten ansiedeln dürfen, wo sie gar nicht dürften. Aber die Tatsache, dass es schwierig ist, sie wieder wegzubekommen, könnte dazu führen, dass es schwieriger wird, diesen Club überhaupt zu genehmigen. Also das kann eine Chance oder ein Risiko sein, wahrscheinlich beides. Also das Image ändert sich dann hoffentlich im Laufe der Zeit dadurch, dass die Städte leichter Gelder für Lärmschutzmaßnahmen bewilligen, dass es bezuschusst wird. Ich würde jetzt sagen, ich sehe es schon eher als Chance.
Christine: Ja, ich auch.
Die kulturelle Bedeutung von Clubs
Franziska: Und was meint ihr: Wie wichtig sind Clubs kulturell gesehen für die Gesellschaft?
Christine: Ja, ganz viel natürlich. Also einerseits, dass Musik eine universelle Sprache ist, dadurch ist erstmal jeder mit eingeschlossen. Niemand ist ausgeschlossen und dadurch entsteht das Potenzial, ganz, ganz unterschiedliche Gruppen oder soziale Milieus in irgendeiner Form zusammenzubringen.
Es gibt unterschiedliche Arten von Clubs und damit in irgendeiner Form eine gewisse Zugehörigkeit. Die einen gehen eher ins Harry Klein, die anderen ins Blitz oder ins Import Export. In gewisser Weise ist es auch identitätsstiftend, das heißt man kommt ein bisschen aus der eigenen Anonymität heraus und kommt wieder mit anderen Menschen in Kontakt, was gerade in den Städten ein noch größeres Thema ist.
Dann ja, ganz wichtig ist die Plattform für Nachwuchskünstler, dass gerade für junge Künstlerinnen und Künstler eine Möglichkeit oder ein Raum geboten wird, sich auszuprobieren. Und vielleicht auch das Persönliche ein Stück weit, dieses Abtauchen in eine Parallelwelt, eine Gegenwelt zur Alltagssphäre, und das ist auch ein wichtiger kultureller Wert.
Blick in die Zukunft der Münchener Kultur
Franziska: Und wie steht es eurer Meinung nach um die Zukunft der Münchener Kultur? Wie blickt ihr aktuell in die Zukunft?
Christine: Tja, da haben wir auch gemeinsam darüber geredet, weil es schwierig ist, wie wir die Münchner Kultur definieren. Was heißt eigentlich Kultur? Der Begriff Kultur kommt von Cultura, das heißt, etwas ständig hegen oder pflegen. Im Umkehrschluss heißt das, wir müssen immer wieder Energie hineinstecken, um dieses gemeinsame, gesellschaftliche Leben so zu erhalten, wie es ist.
Und wenn wir da keine Energie reinstecken, sehen wir schon die Tendenz zu einer gewissen Monostrukturierung. Es gibt einige große Player, die anerkannt sind und bestehen bleiben, und daneben gewisse Subgruppen oder Nischenbereiche, die untergehen.
Wobei wir es eigentlich ganz schön fanden, dass während Corona wieder ganz viele neue Bewegungen aufgetaucht sind und …
Julia: … auch an kulturellen Angeboten, die sich nicht im Mainstream angesiedelt haben. Ich würde schon sagen, dass wir hoffnungsvoll sind, weil wir jetzt gesehen haben, dass viel entstanden ist, aber man muss ständig Energie reinstecken, damit es heterogen bleibt. Und wenn es solche Initiativen wie uns gibt, die vielen Kollektive, und wenn sich ständig Leute dafür einsetzen, dann glaube ich, können wir durchaus hoffnungsvoll und positiv auf die Kultur schauen, dass sie breit und schön und vielfältig bleibt. Wir dürfen nur nicht aufhören, ständig etwas dafür zu tun.
Die aktuelle Gesellschaft in drei Worten
Franziska: Und jetzt meine Abschlussfrage: In drei Worten oder in einem Satz: Wie beschreibt ihr die aktuelle Gesellschaft?
Christine: Ja, in drei Worten haben wir gesagt, wir finden es schwierig, das herunterzubrechen, weil Gesellschaft ein sehr pauschaler Begriff ist. Der Begriff Gesellschaft ist wie eine Blackbox, die müsste man jetzt erst mal aufmachen und sich genauer anschauen, was sich dahinter verbirgt.
Aber jetzt, um das herunterzubrechen, nehmen wir die Gesellschaft in Deutschland, weil sie gewisse gemeinsame Attribute hat und es Sinn macht, diese miteinander zu vergleichen. Dann sehen wir eine gewisse Tendenz, dass sich die Meinungen verhärten oder dass wir es mit einer gewissen Polarisierung zu tun haben. Das zeigt sich oft im öffentlichen Diskurs. Das Thema Corona wollten wir eigentlich außen vor lassen, aber da ist es leider so, dass extreme Positionen stehen bleiben und es sehr, sehr viele bunte Facetten dazwischen gibt, die irgendwie untergehen und eigentlich sollte man vor allem das Gemeinsame in den Vordergrund stellen.
Und das ist auch unser Ziel, uns auf das zu konzentrieren, was uns verbindet, was uns als Gesellschaft zusammenhält und eben nicht auf das, was uns trennt. Und in diesem Sinne, um das abzuschließen, wie sehen wir die aktuelle Gesellschaft?
Julia: Bunt, laut und lebensfroh. So hätte ich sie zumindest gern. Also, ich glaube, die Gesellschaft ist so, aber dass sie es auch zeigen kann.
Franziska: Vielen, vielen Dank.
Julia: Ja, danke an dich.
Das Interview wurde am 8. Juni 2022 von Franziska von Lehel geführt und für die schriftliche Fassung redigiert und gekürzt.
Zu den Gesprächspartnern:
Julia und Christine sind Teil der Initiative von „Mehr Lärm für München“.
Webseite: https://mehrlaermfuermuenchen.jimdofree.com
Instagram: @mehrlaermfuermuenchen
Quellen
- bundestag.de: Experten: Clubs sind Kultur- und nicht Vergnügungsstätten
- img-stageline.de: CLUBSTERBEN: DESWEGEN VERSCHWINDEN UNSERE LIEBLINGSLOCATIONS
- djmag.de: Clubsterben: Das steckt hinter dem Verschwinden der Discos!
- i-ref.de: Berlin und das Thema Clubsterben – Mythos oder bereits Tatsache
- unauf.de: Lutz Leichsenring: „Clubs können nicht die höchsten Mieten bezahlen“
- mucbook.de: Das Harry Klein macht zu – Wer Clubs abreißt, baut dort Hotels
- welt.de: Clubs sind jetzt Kulturstätten – das reicht noch nicht!
