Die Olympischen Spiele sind vorbei und die Bilanz für Deutschland ist historisch schlecht: Platz 10 im Medaillenspiegel – das schlechteste Ergebnis seit der Wiedervereinigung. Steckt der Zeitgeist hinter dem Absturz? Uli Hoeneß kritisiert, dass Leistung im deutschen Sport nicht mehr genug zählt. Diskus-Olympiasieger (2012) Robert Harting ergänzt: „Leistung ist bei uns fast zu etwas verkommen, wofür man sich schämen muss. Wer sagt denn heute noch, dass man der Beste sein will?“ Doch ist dieser Leistungsabfall wirklich symptomatisch für unsere deutsche Gesellschaft?
Abschaffung des Leistungsdrucks – der neue Zeitgeist?
Dieser Trend ist nicht nur im Sport zu beobachten. Auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft ist eine Abkehr vom Leistungsprinzip zu beobachten. So wird über die Abschaffung von Schulnoten, Hausaufgaben und Sitzenbleiben diskutiert. Auch die Reform der Bundesjugendspiele, bei der im vergangenen Jahr die Wettbewerbe für Grundschüler ohne Punkte und Wettkämpfe neu gestaltet wurden, ist ein Beispiel für den neuen Zeitgeist. Auf dem Arbeitsmarkt verändern sich die Prioritäten der Arbeitnehmer: Immer weniger streben Führungspositionen an, während der Ruf nach der 4-Tage-Woche immer lauter wird. Was bedeutet dieser Wandel?
Krise der Leistungsgesellschaft
Die traditionelle Leistungsgesellschaft, in der Ehrgeiz, Erfolg und Eigenverantwortung groß geschrieben wurden, scheint sich zu verändern. Der Zeitgeist wandelt sich von „Sei der Beste“ zu „Sei einfach du selbst“.
Während wir alte Normen hinter uns lassen und neue Ideale sowie Werte entwickeln, stellt sich die Frage: Haben wir dabei mögliche negative Auswirkungen übersehen?
Normalisierung von Übergewicht – der neue Zeitgeist?
Ein weiteres Beispiel für diesen Wandel ist die Diskussion um die Normalisierung von Übergewicht. Die Body-Positivity-Bewegung hat den Druck verringert, in eine Size Zero zu passen, was grundsätzlich positiv ist, da extreme Körperideale problematisch sein können. Problematisch wird es jedoch auch, wenn Übergewicht unkritisch als Normalzustand angesehen wird. Neuerdings wird der Begriff „Mehrgewicht“ statt „Übergewicht“ verwendet, um eine positivere Wahrnehmung zu fördern. Doch mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland sind übergewichtig, und Übergewicht ist neben dem Rauchen die zweithäufigste vermeidbare Todesursache. Hier zeigt sich der schmale Grat zwischen der Akzeptanz von Vielfalt und dem Bewusstsein für gesundheitliche Risiken.
Können wir uns das leisten?
Eine entspanntere Haltung gegenüber Leistungsdruck und Körperbildern hat seine Vorteile, aber bis zu welchem Punkt ist diese Veränderung wirklich sinnvoll? Können wir wirklich allen Menschen sagen, dass sie perfekt sind, so wie sie sind? Dass sich niemand verändern muss?
Unsere menschliche Natur ist geprägt vom Drang, uns zu verbessern (Stichwort: Selbstoptimierung!) und Herausforderungen zu meistern. Ohne diesen Antrieb bleiben wir stehen – und das nicht nur im übertragenen Sinne. Die jüngste PISA-Studie zeigt, dass deutsche Schüler so schlecht abschneiden wie nie zuvor. Und die deutsche Wirtschaft stagniert, während andere EU-Staaten wachsen. Diese Stagnation offenbart ein zentrales Problem: Während wir uns um mehr Vielfalt und Wohlbefinden bemühen, drohen wir den entscheidenden Antrieb für Fortschritt zu verlieren.
Fehlen uns die Anreize?
Vielleicht liegt das Problem nicht nur in einem gesellschaftlichen Umbruch gepaart mit einem neuen Zeitgeist oder dem Wunsch nach weniger Druck, sondern ganz einfach in fehlenden Anreizen. Schwimm-Weltmeisterin Angelina Köhler bringt es nach den diesjährigen Olympischen Spielen auf den Punkt: „Ich finde, es kann nicht sein, dass Leute beim „Sommerhaus der Stars” 50.000 Euro gewinnen und Athleten, die eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewinnen, nur 20.000 Euro.”
Diese Diskrepanz zwischen der Bezahlung von Reality-TV-Teilnehmern und Profisportlern zeigt, wie wenig Wertschätzung Spitzensportler in unserem System erfahren. Vielleicht müssen wir uns fragen, ob wir den Leistungsanreiz so weit heruntergeschraubt haben, dass wir uns letztlich mit Stagnation zufriedengeben.
Wenn wir nicht bereit sind, den Wert von harter Arbeit, Fleiß und Ehrgeiz zu honorieren, sollten wir uns nicht wundern, wenn unsere Leistungen auf der Strecke bleiben.
Die Debatte um das Bürgergeld zeigt dies besonders deutlich: Sie stellt die Frage in den Raum, ob sich Arbeit überhaupt noch lohnt, wenn staatliche Leistungen und Löhne im Niedriglohnsektor nahezu gleichgestellt sind.
Quellen
- t-online.de: Hat Deutschland keinen Bock mehr auf Leistung?
- spiegel.de: Linke will Hausaufgaben, Noten und Sitzenbleiben abschaffen
- bayerische-staatszeitung.de: Sollen an bayerischen Schulen die Noten abgeschafft werden?
- t3n.de: Karriere als Führungskraft: Warum immer weniger Beschäftigte eine Chefposition anstreben
- zdf.de: Was braucht die deutsche Wirtschaft?
- tagesschau.de: Deutsche Schüler schneiden so schlecht ab wie nie
- bild.de: Geheime Krisensitzung wegen Bundesjugendspielen
- rki.de: Übergewicht und Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland
- viszera.de: Adipositas: Folgeerkrankungen, Grade und Bestimmung
- web.de: Wenn es für das „Sommerhaus der Stars“ mehr gibt als für einen Olympiasieg
- br.de: Bürgergeld: Lohnt sich Arbeit im Niedriglohnsektor noch?
