„Krisenmodus” ist das Wort des Jahres 2023. „Der Ausnahmezustand ist zum Dauerzustand geworden”, sagt Andrea Ewels, die Geschäftsführerin der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Sie betont, dass sich die Gesellschaft seit 2020 in einem fortwährenden Krisenmodus befindet. Die aktuelle Zeit stellt uns vor Herausforderungen, geprägt durch Ereignisse wie die Corona-Pandemie, den Russland-Ukraine-Krieg, die Energiekrise und den Israel-Konflikt.
Doch wie gehen wir am besten damit um? Was haben wir selbst in der Hand, um die Welt und die aktuelle Zeit ein bisschen schöner zu gestalten? Diese und weitere Fragen stellte ich der Autorin Kerstin Chavent im folgenden Interview.
Interview Mit Autorin Kerstin Chavent
Franziska: Wie würdest du die aktuelle Zeit beschreiben?
Kerstin: Als eine riesige Herausforderung. Es geht in dieser Zeit darum, aufrecht zu bleiben, aufrecht im Sturm zu bleiben. Und daher ist die zentrale Frage: Wie kann es mir gelingen nicht in die Verzweiflung zu gehen, sondern eher wie der meditierende Buddha zu sein? Dieser schließt die Augen nicht vollständig, sondern hat die Augen ein stückweit geöffnet, ohne sich nach unten ziehen zu lassen.
Und dafür war 2023 ein sehr besonderes Jahr: Das Umarmen der Gegensätze. Wir gehen gerade aus einer „Zeit-des-Entweder-oder“ in eine „Zeit-des-sowohl-als-auch“. Also, wie wir es schaffen wieder zusammenzuwachsen. Und das funktioniert nicht, indem wir uns einander ausschließen oder uns bekämpfen.
Die Bedeutung von Koexistenz
Franziska: Meinst du koexistieren?
Kerstin: Ja, wir sind das eine und das andere. Wir sind nicht nur die, die wir sein wollen. Es geht oftmals darum, dass wir uns besonders gut präsentieren. Und das sehe ich als eines der großen Probleme. Wenn mein Fokus darauf liegt, dass ich mich möglichst tolerant, großzügig, intelligent, gebildet präsentiere, lasse ich die Schattenseiten außer Acht. Und dadurch kann es passieren, dass ich dem anderen sehr viel Unheil zufüge. Wir verletzten den anderen, wenn wir versuchen unsere Schattenseiten zu kaschieren. Daher sollten wir dazu stehen, dass wir gleichzeitig viele Stärken und Schwächen haben. Und dafür war das Jahr von besonderer Wichtigkeit. So konnten wir unsere Unperfektheit annehmen, und auch die wütenden, traurigen, düsteren Momente durchleben.
Franziska: Hast du dafür ein persönliches Beispiel stellvertretend für die aktuelle Zeit?
Kerstin: Da ich meinen Mann verloren habe, war ich natürlich in vielen dunklen Stimmungen. Und ich habe mich damit auch nicht versteckt. Das hat dann zu wirklichen Begegnungen geführt. Und genau das finde ich so unglaublich wohltuend. Das versuche ich zu trainieren, und das hilft mir auch sehr. Also, das Dunkle in dieser Zeit nicht zurückzuweisen, sondern wie der Alchimist, der das Dunkle, also das Blei nicht wegschmeißt, sondern Schicht um Schicht abzieht und das innere Gold freilegt. Und diese Schichten werden nicht zart abgezogen, sondern es brennt und ätzt. Es symbolisiert, dass es auch sehr unangenehm sein kann, aber genau das versuche ich anzunehmen.
Aktuelle Zeit: Emotionale Herausforderungen annehmen und verwandeln
Franziska: Für die aktuelle Zeit schon etwas herausfordernd …
Kerstin: Ja, es kann wehtun. Ja, es ist traurig und ja, ich bin hier gerade verzweifelt. Das, was in der Welt passiert, das ist furchtbar. Da bleibt mir auch nichts anderes zu sagen.
Die politischen Konflikte, die Vorstellung wieviel Leid anderen Menschen zugefügt wird, das ist grausam. Aber die Wut, die Verzweiflung und die Traurigkeit sollten wir nicht versuchen wegzudrängen, sondern annehmen. Das Gefühl, das hochkommt annehmen, nicht das Unrecht.
Das wird oft missverstanden. Das meine ich auch mit dem Verwandeln des inneren Goldes, dass ich versuche mir von dem Gefühl was erzählen zu lassen, die Information herauszufinden. Und gleichzeitig vom Feindbilddenken wegzukommen. Dadurch kommt man aus dieser kraftraubenden Kampfhaltung raus, wenn man nicht gegen die Dinge ankämpft. Ich kämpfe nicht gegen den Krieg, ich fördere den Frieden. Ich kämpfe nicht gegen die Krankheit, ich fördere die Gesundheit.
Freude trotz der Umstände
Franziska: In deinen Texten stellst du die Frage in den Raum, ob es für die aktuelle Zeit nicht unangebracht sei, optimistisch oder gar voller Freude zu sein. Wie würdest du die Frage selbst beantworten?
Kerstin: Ich würde ich sagen: Was bringt es uns denn, wenn wir pessimistisch sind? Haben die Menschen, die leiden etwas davon, wenn ich pessimistisch bin? Hat denn derjenige, der gerade ertrinkt, etwas davon, wenn ich mich aus Verzweiflung ans Ufer setze und sage: „Es hat ja sowieso keinen Zweck, wenn ich dir jetzt die Hand reiche?“ Da hat niemand was davon, wenn ich mich auch nach unten ziehen lasse. Deswegen ist mir das so wichtig und ich schreibe auch immer wieder über die Freude. Dabei geht es nicht darum, dass es uns egal sein sollte.
Wir brauchen jetzt Fackelträger! Wir brauchen jetzt Lichtträger! Mir hilft es nicht, wenn ich ganz unten bin, und alle unten sind. Sondern mir hilft es, wenn ich weiß, dass oben jemand steht und auf mich wartet.
Ja, und ich finde, wir sollten das schlechte Gewissen davon lösen, dass wir vielleicht haben, wenn wir uns freuen und die Weihnachtszeit vorbereiten, während woanders Menschen sterben. Wir sollten unsere Herzen öffnen und andere daran teilhaben lassen. Mein Herz ist so groß, dass sich andere auch andocken können.
Die aktuelle Zeit und die Bedeutung von Optimismus
Franziska: Ein Zitat von dir lautet: „Wer auf die Hoffnung setzt, dass sich eine Situation oder andere Menschen verändern, der hat bereits verloren”. Warum siehst du das so und worauf sollten wir stattdessen setzen?
Kerstin: Ich versuche immer das freizulegen, was uns in unsere Kraft bringt, also das schöpferische Potential zu entfalten.
Und wenn ich mich hinsetze und auf den Retter hoffe, dann bin ich wieder in diesem Retter-Täter-Opfer-Zirkel drin. Da ist ein unschuldiges Opfer, da ist ein böser Täter und da ist dann ein Retter, der auf seinem Pferd daher galoppiert kommt, ob das nun ein Politiker oder ein Arzt oder ein himmlisches Wesen ist. All das bringt mich aus meiner Kraft heraus, deswegen suche ich nach anderen Wegen.
Tipp für die aktuelle Zeit: „Ich alleine bin dafür verantwortlich, wie ich mich fühle.”
Also, dass ich nicht von Hilfe im Außen warte, sondern, dass ich meine eigene Kraft aktiviere. Erinnern wir uns an die Kraft, das Potential, die Möglichkeiten, die in uns stecken und versuchen wir es nicht im Außen zu suchen und unsere Kraft zu verlieren. Gehen wir in uns rein, es ist alles da. Das ist Evolution („evolvere“): Das heißt, es entwickelt sich. Im Kern ist bereits alles enthalten. In jedem Samenkorn ist bereits alles enthalten, es muss sich nur entwickeln. Und das ist es, was ich tun kann, dass es sich entwickeln kann. Das ist unser Job. Ich alleine bin dafür verantwortlich, wie ich mich fühle. Ich kann zwar im Außen vielleicht Opfer werden, ich kann vergewaltigt werden, ich kann verletzt werden, getötet werden. Dann bin ich natürlich der Bezeichnung nach Opfer, aber wie ich damit innerlich umgehe, das liegt allein an mir.
Franziska: Gibt es etwas, was wir jetzt sofort umsetzen können? Also, für die aktuelle Zeit und das Leben im Jetzt?
Kerstin: Ja, dass wir ab sofort aufmerksam dafür sind, was uns gerade passiert und es nicht gegen sich gerichtet zu nehmen. Das kann man ja mal ein paar Minuten lang versuchen. Und vielleicht noch ein bisschen verlängern. Es ist nicht gegen dich gerichtet, nichts von all dem, was mir passiert, wirklich gar nichts. Selbst derjenige, der mich vielleicht jetzt hier anmacht oder unfreundlich ist. Und dann es zu versuchen, es nicht gegen sich zu nehmen, sondern das Blei in Gold zu verwandeln wie der Alchimist.
Wünsche an die Gesellschaft
Franziska: Und kommen wir noch zur Abschlussfrage für die aktuelle Zeit: Welche Veränderung wünscht du dir in unserer Gesellschaft? Was würdest du gerne sehen?
Kerstin: Ich würde gerne, dass die Schleier fallen und wir wieder klar sehen, indem wir aufeinander zutreten, indem wir uns wieder in die Augen sehen, indem wir uns in die Arme nehmen, indem wir Dinge miteinander machen, indem wir wieder in die eigenen Kräfte vertrauen und ineinander entwickeln, indem wir uns wieder mit der Natur verbinden, indem wir gemeinsam Freude empfinden, gemeinsam essen, gemeinsam uns beschenken, beschenken lassen. Und jetzt steht Weihnachten vor der Tür, und da ist mein Wunsch, dass wir uns tatsächlich beschenken lassen, weil wir unser eigenes Herz öffnen und die Dinge hinein lassen und ja, wirklich aufeinander zugehen und uns gegenseitig einladen, miteinander wieder Dinge machen in all unserer Verschiedenheit.
Das ist ja unser Reichtum, dass wir so verschieden sind. Und, dass wir wirklich darüber hinwegsehen, Recht haben zu wollen, sondern dass wir uns mit einem Fragezeichen begegnen und uns nicht mit Ausrufezeichen uns beschießen, sondern dass wir zwischen uns die leicht geschwungene sanftgeschwungene Linie eines Fragezeichens legen.
Ich weiß es auch nicht, was uns da erzählt wird, ob das richtig ist oder ob das falsch ist. Aber ich versuche mein Herz für die Menschen und für das Leben zu öffnen. Und die Begegnung, die Verbindung wieder möglich zu machen.
Franziska: Vielen Dank dir, Kerstin!
Kerstin: Ja, gerne!
Das Gespräch führte Franziska von Lehel am 7. Dezember 2023. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert und gekürzt.
Zur Gesprächspartnerin:
Kerstin Chavent ist Autorin und Sprachlehrerin.
Blog: https://bewusstseinimwandel.blogspot.com/
Text: „Zeit für Zuversicht”: https://zeitpunkt.ch/zeit-fuer-zuversicht
Text: „Nicht zu retten?”: https://zeitpunkt.ch/index.php/nicht-zu-retten
Quellen
- tagesschau.de: „Krisenmodus” ist Wort des Jahres
