Ich beobachte zunehmend eine Politisierung in unserer Gesellschaft. Mittlerweile betrachtet man vieles durch die politische Brille. Filme und Serien werden umgeschrieben. Wer das Gendern ablehnt, wird beschuldigt, sich nicht ausreichend gegen die Diskriminierung von Frauen oder diversen Gruppen zu engagieren. Kritik an einzelnen Corona-Maßnahmen führt häufig dazu, dass Menschen in die rechte politische Ecke gedrängt werden. Als wäre das nicht genug, habe ich gelesen, dass der Smalltalk über das Wetter zu einem Politikum geworden ist. Aufgrund des Klimawandels gilt es mittlerweile als unangemessen, an warmen, sonnigen Tagen von einem „schönen Wetter” zu sprechen.
Die ZUnehmende POlitisierung und der Druck zur Distanzierung sowie Positionierung
Wodurch hat sich diese Tendenz entwickelt, dass wir uns von allem und jedem distanzieren müssen? Und zu jedem Thema eine klare Position beziehen sollen? Selbst wenn wir einmal keine Meinung zu einem Thema haben, besteht die Gefahr, dass man uns als Fähnchen im Wind abstempelt.
Müssen wir wirklich zu allen Themen eine ausgeprägte Meinung vertreten? Sollten wir nicht das Recht haben, uns gelegentlich unpolitisch zu äußern? Immerhin hat jeder Mensch seine individuellen Interessen.
Warum neigt man dazu, Menschen negative Absichten zu unterstellen, wenn sie nicht dem aktuellen Zeitgeist folgen? Wäre es nicht unfair, Menschen pauschal zu verurteilen und ihnen Diskriminierung vorzuwerfen, nur weil sie beispielsweise das Gendern ablehnen?
Gesellschaftliche Doppelmoral
Zählen nicht eher die Taten? Andernfalls könnte selbst dem größten Märtyrer Diskriminierung unterstellt werden, nur weil diese Person keine geschlechtergerechte Sprache verwendet. Politisch korrekte Ausdrucksweisen entstehen hauptsächlich in elitären Kreisen, beispielsweise an Hochschulen. Dabei könnten Menschen in höherem Alter und solche mit geringer formaler Bildung Stigmatisierung erleben, wenn sie sich nicht der politisch korrekten Sprache bedienen.
Politisch aufgeladene Stereotypisierung und die Vielfalt der Lebensstile
Die aktuelle Zeit besagt: Man besitzt nicht einen Porsche, sondern ist ein Porsche-Fahrer. Es findet eine gesellschaftliche Einordnung statt, die von politischen Spannungen geprägt ist. Die Zuordnung zu bestimmten Kategorien ist nicht mehr nur eine Frage des Lifestyles, sondern hat auch politische Dimensionen. Die Diskussion darüber, ob wir noch fliegen dürfen, ist zu einem Teil des gesellschaftlichen Dialogs geworden. Ein angeblich weit verbreitetes Phänomen der Flugscham begleitet dies. Doch letztlich sind es Ideologien, die unsere pluralistische Gesellschaft formen.
Hier können wir uns kleiden und verhalten, wie es uns beliebt, solange wir nicht mit den Gesetzen in Konflikt geraten. Denn in einer pluralistischen Gesellschaft sind unterschiedliche Meinungen und Interessen grundsätzlich gleichberechtigt. Es gibt kein „besser oder schlechter”, kein „schwarz oder weiß”, kein „richtig oder falsch”.
Die Psychologie der Schubladendenkens: Zwischen Gefahreninstinkt und dem Bedürfnis nach Kontrolle
Warum neigen wir überhaupt dazu, in Schubladen zu denken? Das Schubladendenken ist tief in unserer Psyche verwurzelt. In Gefahrensituationen versucht unser Gehirn, die Komplexität der äußeren Wahrnehmung zu reduzieren, um möglicherweise zu fliehen oder sich zu verteidigen. In Zeiten von Krieg und ähnlichen Bedrohungen ist dies zwar praktisch, jedoch führen solche Pauschalisierungen oft zu ungerechtfertigten Verurteilungen. Wir neigen dazu, äußere Reize, einschließlich unserer Mitmenschen, blitzschnell in die Kategorien „Gut” und „Böse” einzuteilen. Wer zu schnell in dieser Schwarz-Weiß-Denke verharrt, sucht ständig nach moralisch aufgeladener politischer Korrektheit.
Zudem haben Menschen das Bedürfnis, Ordnung zu schaffen und Klarheit zu gewinnen, sowie Kontrolle über Situationen zu haben. In dieser unsicheren Zeit, in der nichts mehr als sicher gilt, können Schubladen hilfreich sein, um besser kalkulieren zu können, was uns erwartet.
Zwischen politischer Einmischung und Social-Media-Statements
Doch wer bestimmt eigentlich, was politisch ist und was nicht? Einerseits sind es die Politiker selbst, die uns dazu auffordern, weniger Fleisch zu essen, seltener zu fliegen, kürzer zu duschen und unser Geld zu sparen. Selbst die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, äußert in einem Interview die Meinung, dass „Essen nicht nur Privatsache” sei. Viele Menschen empfinden dieses Verhalten als übergriffig, da sie das Gefühl haben, der Bundestag sitze sozusagen mit am Esstisch. Dennoch steht fest: Die EU kann Verbote für Glühbirnen und Plastiktüten durchsetzen, jedoch keinen Speiseplan vorschreiben.
Andererseits wird das Privatleben durch Social Media politisiert. Täglich wird auf Plattformen wie Instagram ungefiltert darüber diskutiert, was man überhaupt noch sagen darf und welche Privilegien bestimmte Menschen genießen. Früher, bevor es Social Media gab, war das Privatleben tatsächlich privat.
Heutzutage wird der Akt des Teilens von Beiträgen über unser Essen zu einem politischen Statement: Der vegane Burger auf Instagram wird zum Ausdruck des Umweltbewusstseins – eine Botschaft, die lautet: „Seht her, ich verbrauche weniger Wasser und CO2”.
Vom Neo-Biedermeier zur Flucht ins Private: Die Folgen der Überdrehung der Politisierung
Die Überdrehung der Politisierung und ihre Folgen haben dazu geführt, dass Aspekte des Lebens, die normalerweise nicht zwangsläufig politisch konnotiert sind, politisiert werden. Angefangen bei der Wahl der Bank, in der wir unser Geld anlegen, über unser äußeres Erscheinungsbild bis hin zur Auswahl unseres Lebenspartners. Diese fortwährende Politisierung könnte zur Konsequenz haben, dass Menschen sich zunehmend von politischen Themen distanzieren und sich vom politischen System abwenden.
Im Kontext der übermäßigen Politisierung könnte es sein, dass wir mittlerweile erschöpft sind. Keine Late-Night-Show kommt mehr ohne Kritik an der aktuellen Zeit aus, Aktivismus ist im Trend, und überall wird dazu aufgerufen, sich zu bestimmten Themen zu positionieren.
Der Druck, ständig Awareness zu schaffen und eine klare Meinung zu haben, führt dazu, dass diejenigen, die sich nicht äußern, als unentschlossen oder indifferent gelten. Das eigentliche Problem liegt jedoch darin, dass diejenigen, die keine klare Position einnehmen, schwer einzuordnen sind, und dadurch erleiden wir wieder einen Kontrollverlust, in dieser unsicheren Zeit.
Viele Menschen verspüren mittlerweile den Drang, sich ins Private zurückzuziehen. Dieser Trend wird als „Neo-Biedermeier” bezeichnet. Der Rückzug ins Private könnte als eine Art Flucht vor der Politisierung aller Lebensbereiche interpretiert werden. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit des Biedermeiers, zogen sich die Menschen zurück, um den politischen Einschränkungen, gesellschaftlichen Turbulenzen und den Umwälzungen der Industrialisierung zu entgehen.
Die Politisierung des Alltags: Herausforderungen, Selbstschutz und die Suche nach ausgewogenem Dialog
Insgesamt zeigt sich, dass die Politisierung unseres Alltags weitreichende Auswirkungen hat, angefangen bei der Art und Weise, wie wir Filme und Serien produzieren, bis hin zur Sprache, die wir verwenden. Die Frage nach der individuellen Freiheit, sich von politischen Themen zu distanzieren, gewinnt an Bedeutung. Während einige einen Rückzug ins Private als Flucht betrachten, kann es auch als eine Form des Selbstschutzes vor der Überpolitisierung verstanden werden. Die Zukunft bleibt ungewiss, aber vielleicht liegt die Lösung darin, einen ausgewogenen Umgang mit Politik zu finden und Raum für unterschiedliche Meinungen zu schaffen. In einer Welt, die zunehmend polarisiert ist, ist der Dialog und die Offenheit für Vielfalt wichtiger denn je.
Quellen
- taz.de: Was heute politisch ist
- web.de: „Schönes Wetter”: Früher Floskel, heute Politikum
- vogue.de: Alles ist politisch: Warum ich auf Social Media nicht die „Botschafterin” sein möchte
- ernaehrungsmedizin.blog: Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx: „Essen ist nicht nur Privatsache”
- deutschlandfunkkultur.de: Erleben wir ein neues Biedermeier?
