Ich war neulich mit ein paar Mädels essen und eine hat uns erzählt, dass sie in Mexiko war und dass es dort in der U-Bahn separate Abteile nur für Frauen gibt. Die anderen Mädels waren alle ganz aufgeregt und meinten, das wäre doch fortschrittlich und deshalb begrüßenswert, wenn es das hier in Deutschland auch gäbe. Ich habe dann gesagt: „Wäre es denn wirklich ein Fortschritt oder ein Rückschritt, wenn es das hier gäbe?” Sollten wir uns nicht eher fragen, warum solche getrennten Bereiche notwendig sind und welche Auswirkungen sie auf das Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft haben könnten?
Später Schulbeginn: Fortschritt oder Rückschritt?
Als ich diese Frage stellte, fielen mir einige andere Beispiele in unserer Gesellschaft ein, die ich eher als Rückschritt denn als Fortschritt betrachten würde. Neulich habe ich zum Beispiel gelesen, dass an einer Schule in Baden-Württemberg ein späterer Schulbeginn getestet wird. Die Schüler dürfen erst kurz vor 10 Uhr in die Schule kommen. In der Zwischenzeit arbeiten die anderen Schüler unter Aufsicht an Deutsch- und Englischaufgaben. Wer zu spät kommt, muss zu Hause nacharbeiten. Sollte es nicht ein Privileg sein, ausgebildete Lehrer vor sich zu haben, die für Fragen zur Verfügung stehen und bei Bedarf den Unterrichtsstoff wiederholen?
Das neue Modell wird getestet, weil Schüler unter Schlafmangel leiden. Die These: Der frühe Schulbeginn passt nicht zum Biorhythmus der Jugendlichen. Aber: Liegt der Schlafmangel am zu frühen Schulbeginn oder eher an Smartphones und PCs, die man wegen des blauen Lichts zwei Stunden vor dem Schlafengehen ausschalten sollte? Ich bin jedenfalls gespannt, ob und wie sich dieses Modell auf die Pisa-Studie auswirkt. Die Pisa-Studie zeigt uns jedes Jahr aufs Neue, dass Deutschland dringenden Nachholbedarf hat. Vielleicht irre ich mich aber auch und das Modell funktioniert. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.
Biologische Unterschiede anerkennen
Immer häufiger wird in der aktuellen Zeit gefordert, nicht mehr von zwei biologischen Geschlechtern zu sprechen. Die FAZ schreibt dazu: „Warum soll man Frauen und Männer, die man in fast allem Wesentlichen für gleich hält, ein Leben lang unterscheiden?” Moment, ich habe eine Idee: Vielleicht, weil es tatsächlich biologische Unterschiede gibt? In der Medizin gibt es inzwischen einen eigenen Bereich, der sich Gendermedizin nennt.
So schreibt das Klinikum München: „Ein- und dieselbe Krankheit kann sich auf Frauen und Männer verblüffend unterschiedlich auswirken. Ziel einer Gendermedizin und -pflege ist daher, dass die geschlechterspezifischen Unterschiede bei Krankheiten erkannt werden und dieses Wissen in Medizin und Pflege einfließt.”
Ein Blick auf die medizinische Realität
Frauen haben zum Beispiel bei einem Herzinfarkt andere Symptome als Männer. Atemnot, Rückenschmerzen und kalter Schweiß sind drei typische Symptome, die bei Frauen mit Herzinfarkt häufiger auftreten als bei Männern. Und das ist nur ein Beispiel: Der Blick auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kann Leben retten! Natürlich kann sich jede und jeder mit einem anderen Geschlecht identifizieren. Ich sehe nur nach wie vor einen Unterschied zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht.
Diverse Filmindustrie: Fortschritt oder Rückschritt?
Und wenn man sich Hollywood und die westliche Filmindustrie anschaut, wird der Fokus auf Diversität und politische Korrektheit meiner Meinung nach immer seltsamer. Für den Oscar „Bester Film” gibt es mittlerweile Vorgaben, wie viele POCs und Minderheitengruppen vorkommen oder beteiligt sein müssen. Hier sehe ich es auch als Rückschritt, wenn bestimmte Filme nur nach Hautfarbe, Geschlecht oder anderen äußeren Merkmalen besetzt werden. Es sollten auch andere Aspekte wie schauspielerisches Talent, Eignung oder Leistung eine Rolle spielen.
Amazon Studios verlangt, dass nur Schauspieler engagiert werden, deren Identität mit der von ihnen gespielten Figur übereinstimmt. Das heißt: Geschlecht, Geschlechtsidentität, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung und Behinderung zum Beispiel – all das muss mit der gespielten Figur übereinstimmen.
Natürlich verstehe ich das Motiv: Die Sichtbarkeit von Minderheiten soll erhöht werden, und das halte ich auch für wichtig. Aber ich glaube nicht, dass diese Maßnahmen zu einer Aufwertung von Minderheiten führen. Denn im Umkehrschluss bedeutet das, dass man als Angehöriger einer marginalisierten Gruppe wiederum nur wenige Rollenangebote bekommt. . Die deutsche Schauspielerin Nilam Farooq hat einen pakistanischen Vater und eine polnische Mutter. Im Podcast „Road to Glory” spricht sie mit Moderator Alexander Nebe darüber:
„Wenn du mich jetzt fragst, bin ich dafür, dass zum Beispiel Schauspieler*innen nur Rollen spielen dürfen, die ihrem ethnischen Hintergrund gerecht werden. Nein! Weil was soll ich denn noch spielen? […] Und der Beruf heißt immer noch Spielen und nicht Sein. Ja, also ich bin Schauspielerin.”
Wer den Fortschritt in Frage stellt, gilt als rückständig
Das sind einige Beispiele, die meiner Meinung nach für „Rückschritt statt Fortschritt” stehen. Es gibt sicher noch mehr. Ich wollte nur zum Nachdenken anregen, ob neu immer besser ist. Ist neu immer besser? Und unter welchen Bedingungen? Ich habe oft das Gefühl, dass viele neue Entwicklungen nicht hinterfragt werden, und wenn man sie hinterfragt, gilt man als rückständig. Ist es nicht gerade wichtig, Dinge gegeneinander abzuwägen, anstatt unreflektiert jede neue Entwicklung mitzumachen?
Quellen
- mdr.de: Späterer Schulstart verbessert Schlaf und Konzentration von Teenagern
- web.de: Gymnasium testet Gleitzeitmodell: In Plochingen entscheiden die Schüler selbst, wann sie zum Unterricht kommen
- betzold.de: Debatte um späteren Unterrichtsbeginn
- tagesschau.de: Deutsche Schüler schneiden so schlecht ab wie nie
- faz.net: Geschlechter in Auflösung
- muenchen-klinik.de: Gendermedizin und -pflege
- barmer.de: Warum Frauen im Falle eines Herzinfarktes häufiger sterben als Männer
- oscars.org: REPRESENTATION AND INCLUSION STANDARDS
- taz.de: Ein Möchtegern-Fortschritt
