Was haben James Bond, Otto Waalkes und Peter Pan gemeinsam? Ihre Filme werden mit Warnhinweisen versehen. In den letzten Monaten wurde intensiv darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, ältere TV-Sendungen und Filme mit Warnhinweisen zu kennzeichnen. Die zentrale Frage dabei lautet: Sind Warnhinweise ein entscheidender Schutz für Betroffene oder eher eine übertriebene Maßnahme?
Warnhinweise in der Unterhaltungsindustrie
Es ist nicht neu, dass Warnhinweise in der Unterhaltungsindustrie eingesetzt werden. Ein bekanntes Beispiel ist die FSK, die für die „Freiwillige Selbstkontrolle” steht. Diese Institution bewertet Filme in Deutschland und weist diesen entsprechende Altersfreigaben zu. Diese Freigaben bieten Eltern eine grobe Orientierung darüber, ob ein Film für ihre Kinder geeignet ist. Insbesondere in der Musikindustrie kommt das „Parental Advisory Label” häufig zum Einsatz. Dieses Label liefert Eltern ähnliche Hinweise, jedoch bezogen auf potenziell problematische Inhalte in Musikalben.
Warnhinweise vor Filmen und Serien: Aktuelle Beispiele
Aber was sagen die neuerdings vor Filmen geschalteten Warnhinweise aus und werden sie eingesetzt? Hier sind einige Beispiele.
Otto-Shows
Im Falle von Otto betraf es die Otto Shows aus den 70ern und 80ern, die der WDR anlässlich seines 75. Geburtstages erneut in seiner Mediathek zur Verfügung stellte. Vor dem Abspielen der Shows wurde eine Warnung eingeblendet bzw. vorgelesen:
„Das folgende Programm wird, als Bestandteil der Fernsehgeschichte, in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.”
Bond-Filme
Ähnlich betroffen sind auch Bond-Filme aus den sechziger Jahren. Hier wird vor „Sprache, Bildern oder anderen Inhalten” gewarnt, die die Ansichten der damaligen Zeit widerspiegeln, jedoch heute wie damals Anstoß erregen könnten.
Ein konkretes Beispiel ist der Bond-Titel „Man lebt nur zweimal”. Das Britische Filminstitut (BFI) attestiert dem Film „veraltete rassistische Klischees”. Dies resultiert aus der Szene, in der 007 alias Sean Connery versucht, sich als Japaner auszugeben.
Kinderfilme von Disney
Disney+ hingegen warnt vor Kinderfilmen wie beispielsweise „Peter Pan”. In „Peter Pan” werden die Ureinwohner als „Rothäute” bezeichnet und laut Disney stereotypisiert. Diese Darstellung ist vermutlich nicht politisch korrekt.
Es geht darum, uns als Zuschauer vor nicht zeitgemäßen Inhalten zu warnen bzw. auf potenziell problematische oder verstörende Inhalte hinzuweisen, wobei der kulturelle Kontext berücksichtigt werden soll.
Argumente für und gegen Warnhinweise
Eines der Pro-Argumente in der Diskussion um Warnhinweise, dass angeführt wird ist:
„Warnhinweise bieten einen wichtigen Schutz. Sie bewahren Menschen vor verstörenden Bildern und Aussagen.”
Menschen und vor allem Betroffene vor verstörenden Bildern und Aussagen schützen wollen, ist natürlich nachvollziehbar. Doch hier stellt sich die Frage: Sollten wir uns nicht erstmal zusammensetzen und besprechen, wovor wir alles warnen wollen?
Nur als Beispiel: Ich höre verschiedene Podcasts an, die auch für bestimmte Folgen eine Triggerwarnung in der Beschreibung enthalten. Das finde ich tatsächlich sehr hilfreich, weil ich an einem unbeschwerten Tag nicht unbedingt mit Themen wie Kindesmissbrauch oder ähnlichen konfrontiert werden möchte.
Doch die Warnhinweise vor Otto, James Bond und Disney weisen darauf hin, dass die Inhalte nicht mehr dem aktuellen Zeitgeist entsprechen. Trifft das nicht auf alle Werke zu, die nicht in der heutigen Zeit entstanden sind? Müsste dann nicht kategorisch vor jedem Film vor 2020 ein Hinweis kommen?
Und zusätzlich alle literarischen Werke, sei es auch Goethe, Shakespeare oder Poe? Wo fängt es an, wo hört es auf?
Der Kontext der Zeitgeschichte, oder: Die Verantwortung des Zuschauers
Apropos Literatur: Wir haben in der Schule die Werke von Goethe und Dickens in einen kulturhistorischen Kontext eingeordnet. Und gelernt, die Inhalte im historischen Kontext zu verstehen.
Brauchen wir noch Warnhinweise oder haben wir diese Art der Rezeption nicht bereits auf Filme und Serien übertragen? Oder anders gefragt: Sollte es nicht jedem klar sein, dass ein Film aus den 80ern nicht mehr dem aktuellen Zeitgeist entspricht?
Können wir nicht einem durchschnittlichen Konsumenten zutrauen, das Gesehene im richtigen Kontext einzuordnen und zu bewerten?
Netflix traut es jedenfalls den eigenen Abonnenten zu. Das Unternehmen lehnt es ab, Warnhinweise vor Folgen von „The Crown“ zu platzieren. Hier kam die Frage nach einem Warnhinweis auf, weil die Serie die Geschichte des britischen Königshauses erzählt. Die Zuschauer könnten möglicherweise nicht verstehen, dass die Serie nicht real ist. Doch Netflix geht davon aus, dass die Abonnenten selbst verstehen, dass „The Crown“ ein fiktionales Drama ist, das größtenteils auf historischen Ereignissen basiert. Doch Netflix scheint Warnhinweise nicht grundsätzlich auszuschließen. Die Serie „Stranger Things“ wurde nach einem Schulattentat mit einem Warnhinweis versehen. So sagt Netflix: „In Anbetracht des Schulattentats in Texas könnten Zuschauer die Anfangsszene der ersten Folge verstörend finden.“ Scheinbar differenziert auch Netflix zwischen der Art der Warnhinweise.
„Es tut doch niemanden weh.”
Viele ziehen diese Differenzierung jedoch nicht und betonen, dass sie die Warnhinweise nicht stören würden. „Es tut niemanden weh.“ ist ein häufiger Satz, der dazu fällt. Man könnte den Hinweis überlesen. Aber genau hier liegt meiner Meinung nach die Gefahr.
Wenn wir die Warnhinweise zu inflationär verwenden, dann nehmen wir zum einen den Zuschauern die Verantwortung ab über das Gesehene kritisch nachzudenken. Und zum anderen sind diese Warnhinweise auch nichts mehr Wert, wenn diese vor jedem Film geschaltet werden, oder? Wer nimmt diese dann noch ernst?
Je länger die Liste an Filmen mit Warnhinweisen wird, desto mehr geht jede einzelne Warnung unter. Ich kann mir vorstellen, dass diese einfach vorgespult werden, ähnlich wie beim Abspann, den die meisten Zuschauer auch nicht ansehen.
Warnhinweise – Lösungsvorschläge und eigene Meinung
Was machen wir jetzt? Warnhinweise ja oder nein? Meiner Meinung nach sollten wir auch dieses Thema, wie auch andere Themen, differenziert betrachten. Ich finde, dass Warnhinweise nicht inflationär verwendet werden sollten und auch nicht, um davor zu warnen, dass Werke, Filme oder Serien nicht mehr der aktuellen Zeit entsprechen.
Für die kulturhistorische Einordnung würde ich allerdings vorschlagen, dass im Vorspann das Erscheinungsjahr des jeweiligen Films oder der Serie eingeblendet wird. Diese Information enthalten auch Bücher.
Und wenn es um Gewalt und anderweitig verstörende Inhalte geht, könnten Warnhinweise tatsächlich sinnvoll sein. Obwohl: Die FSK und das Filmgenre geben bereits entscheidende Hinweise. Wenn ich einen Horrorfilm mit FSK 18 wähle, sollte mir klar sein, dass dieser gewaltvolle und verstörende Szenen enthält.
Quellen
- spiegel.de: Disney+ zeigt Zeichentrick-Klassiker mit Warnhinweis
- web.de: „Diskriminierend“: WDR versieht alte Shows von Otto Waalkes mit Warnhinweis
- spiegel.de: »James Bond«-Filme erhalten Warnhinweise
- web.de: Von „Dumbo“ bis „Peter Pan“: Disney+ warnt vor Kinderfilmen
- dailymail.co.uk: Netflix says no to screen disclaimer before each episode of The Crown as bosses claim viewers understand royal drama is a ‚work of fiction broadly based on historical events‘
- spiegel.de: Netflix zeigt »Stranger Things« mit Warnhinweis
