Das Kino erklärte man schon oft für tot. Doch in diesem Sommer strömten weltweit Menschenmassen in die Kinos. Und das nur, um einen Film über die ikonische Plastikpuppe ihrer Kindheit zu sehen. „Barbie” ist der bisher weltweit umsatzstärkste Film des Jahres 2023. Auf der Liste der erfolgreichsten Filme hat sich der Barbiefilm den 14. Platz gesichert.
Soweit, so gut, könnte man sagen. Die Menschen kehren wieder in die Kinos zurück, um gemeinsam einen Film über eine Kindheitsikone, über Barbie anzusehen. Doch wir schreiben das Jahr 2023. Dieser Umstand verleiht sowohl dem Film als auch dem entstandenen Hype eine politische Dimension.
Der politische Kontext des Barbie-films
Was macht einen Film um einer Plastikpuppe politisch? Die ersten dreißig Minuten des Films verlaufen unbeschwert, äußerst unterhaltsam, humorvoll und vor allem visuell beeindruckend. Doch plötzlich kippt die Stimmung. Man möchte ein Trinkspiel auf das Wort „Patriarchat” initiieren:
Barbie lebt mit den anderen Barbies und Ken in Barbieland. Dort herrscht das Matriarchat. Barbies erhalten Nobelpreise, arbeiten auf Baustellen, erkunden das All und haben alles erreicht. Eines Tages jedoch muss Barbie in die reale Welt zurückkehren und erkennt, dass dort alles auf den Kopf gestellt ist. Hier dreht sich alles um den Mann, der Mann dominiert, es herrscht das Patriarchat.
Kontroverse Reaktionen auf „Barbie”
Der Film „Barbie” sorgt für kontroverse Reaktionen: Einige feiern den Film als Huldigung des Feminismus, während andere ihn als „Ein radikal feministisches Propaganda Cringe Fest” bezeichnen und ihm eine übertriebene Politische Korrektheit unterstellen. Es gibt auch diejenigen, die den Film eher als Kritik am Feminismus betrachten, also als eine Art Parodie auf die übertriebenen feministischen Entwicklungen, die die westliche Welt in den letzten Jahren erlebt hat.
Die Regisseurin Greta Gerwig bekennt sich in einem Interview zwar als Feministin, betrachtet den Film jedoch eher als humanistisch denn als feministisch. Sie sagt:
„In diesem Film geht es eher darum, dass jede Art von hierarchischer Machtstruktur, die sich in irgendeine Richtung bewegt, nicht gut ist.”
Das Thema jedenfalls ist eingeschlagen: Ihr Film spielte in den Kinos weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar ein.
Feminismus in der Filmwelt Hat es schon immer gegeben
Dennoch hat es feministische Filme schon immer gegeben, nicht nur aus reinen Marketinggründen, wie man es dem Barbiefilm gerade unterstellt. Filme spiegeln die Realität wider und haben historische Emanzipationsbewegungen schon immer begleitet. Einige Genres, wie der Film Noir mit der „Femme Fatale” und der Slasher mit dem „Final Girl”, sind Beispiele für subtilere Darstellungen feministischer Themen in der Filmwelt.
Geschlechterdarstellungen im Barbie-film
Trotzdem kann ich einige Punkte verstehen, die Kritiker hervorbringen. Meiner Ansicht nach trägt der Film nicht zur Versöhnung der Geschlechter bei, sondern eher zu ihrer Spaltung. Die Darstellung der Männer erfolgt überwiegend in einer negativen Weise. Sie erscheinen entweder als dumm, unbeholfen oder verzweifelt. Und es werden ihnen grundsätzlich negative Motive zugeschrieben. Im Gegensatz dazu stellt man Frauen in der realen Welt als unterdrückte und sexualisierte Individuen dar, die sowohl von Männern als auch von Frauen verachtet werden. Die einzige verbleibende Option für sie scheint das Zurückziehen in die Opferrolle und die Flucht in eine alternative Realität mithilfe von Barbies zu sein, was im Laufe ihres Lebens zu einer schleichenden Depression führt.
Natürlich überzeichnet die fiktive Welt alles ein wenig, jedoch zeichnet sich dieser Film weder durch Subtilität noch durch Differenzierung aus. Der Film vermittelt vieles mit dem Holzhammer und verstärkt das Schwarz-Weiß-Denken noch einmal. Aber gut, das passt zum aktuellen Zeitgeist.
Ein weiterer Aspekt, der meiner Ansicht nach eher zur Spaltung der Geschlechter beiträgt, ist die obligatorische Hollywood-Schlussrede. In dieser wird hauptsächlich darauf eingegangen, welche gesellschaftlichen Erwartungen Frauen täglich erfüllen müssen.
Dass auch Männer stereotypischen Konventionen unterliegen, wurde dabei außer Acht gelassen, obwohl der heutige Feminismus gerade für die Gleichberechtigung beider Geschlechter steht. Der Film versucht, progressiv zu sein, schafft es aber nicht, sondern vertieft die Kluft zwischen den Geschlechtern noch weiter. „Barbie” suggeriert, dass Männer und Frauen nicht wirklich positiv zusammenarbeiten können, und kehrt die Rollen einfach nur um. Ist das wirklich die Lösung? Außerdem: Sind wir in der westlichen realen Welt nicht bereits viel weiter? Werden Frauen wirklich nicht von Männern geschätzt? Meine eigenen Erfahrungen sagen etwas anderes.
Die Nuancen feministischer Filme früher und heute
Für mich steht jedenfalls fest, dass feministische Filme wie beispielsweise der Film Noir in den 40er und 50er Jahren die damalige Realität nuancierter und weniger plump aufgriffen als „Barbie”.
Die US-amerikanischen Krimis und Thriller dieser Zeit behandelten nicht nur die Emanzipation der Frauen während und nach dem Krieg, sondern auch die Ängste der Männer. Es war also eine Ansprache an beide Geschlechter.
Ebenso gefällt mir das „Final Girl” in Slasher-Filmen der 90er, wie „Scream”, besser, weil hier eine Entwicklung von einem verunsicherten, ängstlichen Opfer hin zu einer selbstbewussten Heldin gezeigt wird. In den heutigen Filmen stehen Frauen oft symbolisch im Schatten der Männer, wenn sie in Rollen besetzt werden, die ursprünglich mit Männern besetzt werden.
Aber vielleicht stand das Kino tatsächlich vor dem Tod, und Hollywood wollte sich einfach nur anbiedern, den Frauen die Story zu erzählen, die sie hören wollten. Das klappt auch bestens im Marketing. So funktioniert das Spiel mit dem Verkauf: Schmerzpunkte analysieren und diese als Produkt verkaufen. Auf diese Weise zieht man ein Publikum an, das seine Anliegen auf einfache Weise gespiegelt sehen will. Ein Versprechen nach neuen Wegen oder Auswegen wird allerdings nicht eingelöst.
Quellen
- web.de: Hat „Barbie“ das Zeug zum erfolgreichsten Film aller Zeiten?
- spiegel.de: »Barbie« ist jetzt der erfolgreichste Film des Jahres weltweit
- boxofficemojo.com: Top Lifetime Grosses
- rollingstone.de: Greta Gerwig, wieso ausgerechnet ein Film über Barbie?
- nau.ch: Barbie-Film: Feministin zerreisst «feministischen» Blockbuster
- youtube.de: Barbie: Ein radikal feministisches Propaganda Cringe Fest
