Derzeit wird in Deutschland über das Abtreibungsgesetz diskutiert. Es geht um die Frage, ob Abtreibungen innerhalb der ersten drei Monate legal sein sollen. In der Diskussion um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen steht auch die Pflichtberatung zur Debatte. Derzeit ist ein Beratungsgespräch drei Tage vor dem Abbruch vorgeschrieben.
Sollte das Beratungsgespräch nach wie vor verpflichtend sein?
Hier gehen die Meinungen auseinander. Während die sächsische Sozialministerin Petra Köpping (SPD) die Legalisierung von Abtreibungen befürwortet, hält sie die Beratungspflicht weiterhin für notwendig und richtig. Auf der anderen Seite steht zum Beispiel die SPD-Bundestagsabgeordnete Josephine Ortleb, die sagt: „Warum sollte man die Frauen, die keinen Beratungsbedarf haben, zu einer Beratung zwingen?” Und genau darum geht es in diesem Artikel. Ich bin ehrlich gesagt für die Beibehaltung der Beratungspflicht und möchte heute darüber schreiben, warum.
Warum Frauen eine Schwangerschaft abbrechen
Erstmal sollten wir uns anschauen, warum Frauen überhaupt eine Schwangerschaft abbrechen. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums wurde dazu eine umfangreiche Studie durchgeführt. Die sogenannte ELSA-Studie hat gezeigt, dass es nicht den einen Grund gibt, warum Frauen abtreiben. Meist kommen mehrere ungünstige Lebensumstände zusammen. 42 Prozent der Frauen, die abtreiben, haben Probleme mit ihrem Partner. 47 Prozent geben an, dass die finanzielle Situation zu angespannt ist.
Pro Beratungsgespräch: Aufklärung und Perspektiven
Hier sind wir schon beim ersten Punkt, warum ich glaube, dass ein Beratungsgespräch wichtig ist. Es klärt über mögliche Perspektiven auf. Viele Frauen wüssten ohne das Beratungsgespräch vielleicht gar nicht, inwieweit sie finanziell unterstützt werden können. In Deutschland gibt es verschiedene staatliche Unterstützungsmöglichkeiten wie Elterngeld, Kinderzuschlag und Sozialleistungen, die viele Frauen nicht kennen. Dies bestätigt auch eine Befragung eines Beratungsanbieters: 82 Prozent gaben an, das Beratungsgespräch als sehr hilfreich empfunden zu haben.
Pro Beratungsgespräch: indirekter oder direkter Druck von außen
Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass bei solchen Entscheidungen oft äußere Einflüsse eine Rolle spielen – zum einen aus dem Umfeld, zum anderen durch äußere Umstände. Da ist die Mutter, die sich schon lange ein Enkelkind wünscht. Da ist der Partner, der meint, man schaffe es finanziell nicht. Da ist der Arbeitgeber, den man nicht verärgern möchte, oder das Jobangebot, auf das man schon lange wartet. Kann man da noch eine kühle, emotionslose Entscheidung treffen? Genau dafür ist das Beratungsgespräch da – sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen und eine eigene Entscheidung zu treffen.
Pro Beratungsgespräch: Klarheit über die Entscheidung auch nach Jahren
Ein weiterer wichtiger Aspekt, warum ich die Beratungspflicht vor einem Abbruch befürworte, ist die langfristige Klarheit der Entscheidung. Durch ein ausführliches Beratungsgespräch setzen sich die Frauen intensiv mit allen Möglichkeiten und Perspektiven auseinander. Das kann dazu beitragen, dass sie ihre Entscheidung auch Jahre später noch als richtig empfinden. Das Beratungsgespräch hilft, mögliche Zweifel und Unsicherheiten zu klären. Ohne diese intensive Auseinandersetzung könnten die Frauen später mit Schuldgefühlen oder psychischen Problemen wie Depressionen kämpfen.
Der Druck durch die Pflichtberatung
Manche sprechen von einem Druck durch die Pflichtberatung und plädieren für Freiwilligkeit. Aber seien wir ehrlich: Wer geht schon freiwillig zur Suchtberatung? Oft sind es äußere Umstände oder persönlicher Leidensdruck. Zum Beispiel stellen Angehörige ein Ultimatum: „Wenn du nicht zur Beratung gehst, trenne ich mich von dir.” Oder man geht aus Leidensdruck zur Beratung. Im Begriff „Leidensdruck” steckt das Wort „Druck” selbst. Dies bestätigt auch eine Umfrage eines Beratungsanbieters: 40 Prozent wären nicht zur Beratung gekommen, wenn es keine Verpflichtung gäbe.
Akzeptanz und Normalität des Beratungsgesprächs
Ja, so ein Beratungsgespräch kann unangenehm sein, aber solche Termine gehören zum Leben dazu. Ich habe oft den Eindruck, dass wir in der aktuellen Zeit am liebsten auf einer riesigen Blumenwiese leben und allen negativen Gefühlen aus dem Weg gehen würden. Ein bisschen mehr Resilienz würde uns gut tun. Und: Es ist wichtig zu wissen, dass die Beratung ergebnisoffen ist. Es soll keine Entscheidung vorgeben, sondern unterstützen, informieren und alle Möglichkeiten aufzeigen. Mit diesem Wissen kann man auch die Perspektive auf das Beratungsgespräch ändern und es als wertvolle Unterstützung betrachten.
Informationsdefizit bei Freiwilligkeit
Und wenn die Beratung freiwillig ist: Woher wissen die Menschen, dass es das Angebot gibt? Ich will nicht schwarz malen, aber wir haben schon bei der Corona-Pandemie gesehen, dass bestimmte Gruppen in der Gesellschaft nicht ausreichend über staatliche Angebote informiert waren. Bei einem freiwilligen Beratungsgespräch könnte genau diese Informationslücke entstehen und wichtige Informationen und Unterstützung entgehen.
