Kennst du das Gefühl, deine Meinung nicht äußern zu wollen, weil du Angst vor moralischer Verurteilung hast? Weil das Thema in unserer Gesellschaft nicht sachlich, sondern emotional diskutiert wird? Wie du vielleicht weißt, schreibe ich gerade an einem Buch zum Thema „Meinungsfreiheit und Debattenkultur“. Um die aktuellen Dynamiken und die zunehmende Polarisierung zu verstehen, habe ich in den letzten Wochen viel gelesen. Einige dieser Bücher möchte ich in in diesem Artikel besprechen.
Buch-Check 1: Besuch am rechten Rand – Warum Menschen AfD wählen (Sally Lisa Starken)
Die Autorin Sally Lisa Starken ist freie Journalistin und auf Instagram sehr aktiv. Sie verfolgt einen starken Ansatz: Sie möchte AfD-Wähler verstehen und ihnen zuhören, anstatt sie vorschnell zu verurteilen. Starken schreibt:
„Wie oft geben wir dem anderen gar nicht die Chance, sich wirklich zu äußern, weil wir bereits im Voraus eine feste Meinung haben? Angesagt wäre, durchzuatmen und sich auf Situationen vorurteilsfrei einzulassen. Sich auf andere Menschen einzulassen. Doch das kommt selten vor.“
Dieser Anspruch ist stark. Die Umsetzung empfand ich jedoch als eher mangelhaft. Man merkt, dass Sally Journalistin ist, denn sie kann es nicht lassen, alles einzuordnen. Obwohl sie den Dialog sucht, hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sie letztlich doch über die Menschen spricht, statt wirklich mit ihnen. Das wird besonders deutlich, wenn sie über Frank schreibt, einen AfD-Wähler aus Erfurt. Anstatt die Gespräche mit echten Zitaten authentisch wiederzugeben, ordnet sie seine Aussagen als Verschwörungsmythen und Fake News ein. Das macht es als Leser schwer, sich ein eigenes Bild zu machen.
Insgesamt waren es mir zu wenige Gespräche mit tatsächlichen AfD-Wählern. Anstatt mit ihnen zu sprechen, interviewte sie beispielsweise die Tochter eines AfD-Wählers, die nach der Trennung ihrer Eltern keinen intensiven Kontakt mehr zu ihrem Vater hat. Themen, die meiner Meinung nach zentral für das Erstarken der AfD sind, wie die Unzufriedenheit von Landwirten oder die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, wurden nur kurz oder gar nicht behandelt. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass es doch eher ein „von oben herab“ war und kein echtes Verstehen-wollen. Wie mein Freund zu mir treffend sagte, könnte man das Buch auch „Besuch vom linken Rand” nennen.
Buch-Check 2: Deutsche Dogmen – Von Asyl bis ziviler Ungehorsam (Reinhard Müller)
Der Autor Reinhard Müller ist Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nimmt sich einige Glaubenswahrheiten unserer Debatten vor, die er als „Dogmen“ bezeichnet. Sein Ziel ist es, diese Lehrsätze mit Wahrheitsanspruch zu hinterfragen. Beispiele sind die Dogmen „Jeder hat Anspruch auf Asyl in Deutschland“ und „Die Mehrheit kann alles entscheiden“. Er stellt sie aus einer anderen Perspektive infrage und erweitert damit die Debatte.
Positiv aufgefallen ist mir außerdem die Themenvielfalt: Die Dogmen sind nicht nur politisch, sondern auch alltagsnah und gesellschaftspolitisch relevant. Ich habe mich hier wiedergefunden. Ein Beispiel, ist die Trinkgeldkultur, bei der Müller fragt, warum in vielen Cafés heute bereits vorab bis zu 15 Prozent Trinkgeld erwartet werden, obwohl man den Kaffee selbst an der Theke bestellt und abholt.
Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass er dabei eigene „Dogmen” aufstellt, indem er für einige Aussagen, wie etwa die, dass Arbeitskräfte an allen Ecken fehlen würden, keine Belege liefert. Es gibt in dem Buch kein Quellenverzeichnis, was es dem Leser schwer macht, die Fakten zu prüfen. Insgesamt fand ich das Buch trotzdem sehr interessant. Es ist meiner Meinung nach ein wichtiger Beitrag zu unserer Debattenkultur, auch wenn ich nicht jeder Argumentation folgen konnte. Kurzer Disclaimer: Ich habe dieses Buch kostenfrei als Rezensionsexemplar erhalten.
Buch-Check 3: Shitbürgertum (Ulf Poschardt)
Ulf Poschardt ist der Herausgeber der WELT, Politico und Business Insider. Er provoziert gerne, steht zu seiner Meinung und verkündet sie auch lautstark. In seinem Buch beschreibt er die Moralkeule, die vornehmlich aus dem linken Milieu über unsere Gesellschaft gelegt würde. Er prangert den linken Moralismus und die kulturelle Dominanz der Linken an, zu denen er sich selbst nicht mehr zugehörig fühlt. Dazu führt er zahlreiche popkulturelle Referenzen und historische Ereignisse an.
Ich muss zugeben, dass sich das Buch nicht ganz leicht lesen lässt. Den rotzigen Ton, den Poschardt selbst hat – er bezeichnet sich als „simplen fränkischen Reihenhaus-Asi, der immer so geredet, aber viele Bücher gelesen hat“ –, findet man hier nicht so stark ausgeprägt. Es gibt aber mittlerweile eine Ausgabe in einfacher Sprache. Poschardt sieht sich als Kämpfer für die einfachen Leute, die immer mehr Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Wie auch ich, vertritt er die These, dass unbequeme Meinungen als rechts abgestempelt werden. Poschardt schreibt:
„Als die beiden Königsdisziplinen dieser Praxis gelten das Denunzieren ernsthaft liberaler Haltungen als „rechts“ und die Schilderung jeder noch so milden Infragestellung der Opulenz des Sozialstaats als erste Stufe zum Manchesterkapitalismus.“
Auch hier sucht man vergeblich nach Quellenangaben. Das Buch hat aber auch einen gewissen Witz und Humor, wenngleich es sich stark auf ein Bashing gegen Linke fokussiert und damit fast schon etwas zu spaltend wirkt. Trotz dieser Kritikpunkte ist das Buch in jedem Fall interessant, denn die provokante Sichtweise von Poschardt enthält meiner Meinung nach viel Wahres und regt zum Nachdenken an.
Fazit: Polarisierung wird unterschiedlich gedeutet
Diese drei Titel zeigen eindrücklich, wie aufgeladen die Debattenkultur aktuell ist. Ob es um das Verstehen von Wählern, das Hinterfragen von Dogmen oder die Kritik am Moralismus geht: Der rote Faden ist die Schwierigkeit, einen sachlichen Diskurs zu führen.
Quellen
- Sally Lisa Starken: Besuch am rechten Rand – Warum Menschen AFD wählen von, München, 2025 (S.17) * https://amzn.to/4nUpj5z
- Reinhard Müller: Deutsche Dogmen – Von Asyl bis ziviler Ungehorsam, Frankfurt am Main, 2025 (S.67-68) * https://amzn.to/3VPZ0B6
- Ulf Poschardt: Shitbürgertum, Neu-Isenburg, 2025 (S.71) * https://amzn.to/3VQ9wbu
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Deine Meinung zählt!
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